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„Helikopter und Kampfflugzeuge brachten den Tod in unser Viertel“

Die Flucht von Tareef Alasaad und Ola Amouri dauerte insgesamt ein Jahr. Sie begann zu zweit und endete zu dritt.

Tareef Alasaad und seine Frau Ola Amouri stammen aus Binnish, einem Ort mit rund 50.000 Einwohnern im Nordwesten Syriens. Das junge Paar gehörte dort zur Bildungselite. Er arbeitete als IT-Entwickler, sie hatte Architektur studiert. Beide standen ihrem Land auch der Regierung anfangs positiv gegenüber. Doch nach Beginn des Krieges änderte sich das. Einen ersten Schock erlitt das Paar, als die syrische Armee eine zerstörerische Bombe auf die Fakultät warf, in der Ola Amouri kurz zuvor noch studiert hatte. Es war reiner Zufall, dass sie an dem Tag nicht in der Uni war. Viele ihrer Kommilitonen hatten weniger Glück. Sie kehrten an diesem Tag nicht mehr zu ihren Eltern nach Hause.

Tareef Alasaad hatte nach Ausbruch des Kriegs seinen Arbeitgeber gewechselt und arbeitete nun für das Gesundheitsministerium. Wenn er abends nach Hause kam, sah er immer wieder, dass Helikopter und Kampfflugzeuge tagsüber den Tod in sein Viertel gebracht hatten. „Ich konnte das nicht verstehen“, sagt der junge Mann. „Die Regierung, für die ich tagsüber arbeitete, tötete zur gleichen Zeit meine Nachbarn.“ Er kündigte seine Arbeit. Ab diesem Moment stand er unter ständiger Beobachtung, sollte einmal ins Gefängnis, doch ein ehemaliger Professor setzte sich für Tareef Alasaad ein und rettete ihn so.

Spätestens jetzt wusste das Paar, dass es in Syrien keine Zukunft mehr hat und so schnell wie möglich das Land verlassen sollte. Doch noch war es nicht so weit. Tareef Alasaad schloss sich den Revolutionären an und kämpfte zwei Jahre lang an deren Seite gegen den Machthaber und sein Gefolge. Was den Revolutionären an Waffen fehlt, machen sie durch Mut wieder wett, erinnert sich der Kämpfer. Der Bruder von Ola Amouri kämpfte ebenfalls gegen die Regierung, er starb bei einem Angriff der syrischen Armee auf die Stadt.

„Die Zustände wurden zusehends schlimmer in unserem Land“, berichtet Tareef Alasaad. „Es gab kein Wasser und keine Elektrizität, dafür jeden Tag Bomben. Immer nur Bomben.“ Er hatte Angst um seine Frau. Als Ola Amouri schwanger wurde, stand die Entscheidung fest: Das Paar wollte aus seiner Heimat fliehen. „Das war im Spätherbst 2014“, erinnert sich Ola Amouri. „Wir hatten kein Geld mehr und ohne Geld gab es kein Heizöl. Wir wollten nicht erfrieren.“ Das Paar pumpte Freunde und Verwandte an und machte sich auf den Weg.

Ihr erster Weg führte die jungen Menschen in die Türkei. Dort, dicht an der syrischen Grenze, lebten sie insgesamt zehn Monate. „Das Land sollte unsere neue Heimat werden“, sagt Tareef Alasaad. Doch dazu kam es nicht. Am25. April 2015 kam Sohn Abdul Hameed auf die Welt. Von nun an war die Familie zu dritt. Doch sie schaffte es nicht, in der Türkei so recht Fuß zu fassen. Tareef Alasaad fand keine Arbeit, mit der er seine Familie ernähren konnte. Schweren Herzens packte sie erneut ihre Sachen.

Mit zwei Goldstücken, die Tareef Alasaad noch dabei hatte, und noch etwas zusammengeborgtem Geld bezahlte er einen Schlepper. Zwei Stunden tuckerte die junge Familie gemeinsam mit anderen Flüchtenden nachts über das Meer. Das Boot verfügte über keinerlei Instrumente zur Navigation. Irgendwann tauchte ein Fischerboot auf und leuchtete in Richtung griechisches Festland. Das war die Rettung.

Die Reise führte nun nach Athen und von dort aus mit dem Bus weiter nach Mazedonien, anschließend nach Kroatien und Slowenien. „Dort war es richtig gefährlich für uns“, sagt Tareef Alasaad. Soldaten und Panzer kamen auf die Flüchtenden zu und versperrten den Weg. Die Menschen mussten stundenlang marschieren, um an ein Camp zu gelangen. „Obwohl Camp eigentlich nicht das richtige Wort ist“, so Tareef Alasaad. Es gab dort weder Zelte noch Wasser. Die Soldaten schlugen uns und setzten immer wieder Pfefferspray ein. In den drei Tagen dort wurden alle Menschen krank. Viele fielen einfach um. Es war so schrecklich.“

Nach drei Tagen hatte der Schrecken ein Ende und die Flüchtenden durften eines Nachts über die Grenze zu Österreich. Dort gab es gutes Essen und die Möglichkeit, ins Krankenhaus zu gehen. Der erst wenige Monate alte Abdul Hameed war krank geworden und musste behandelt werden. Wenn Tareef Alasaad heute an die Zeit in Slowenien zurück denkt wird er richtig wütend. „Wir sind Menschen, wurden aber wie Tiere behandelt. Ich verstehe das nicht“, sagt er.

Nach wenigen Tagen ging es für die Familie nach Deutschland. Nach einer elfstündigen Zugfahrt kam sie schließlich in Berlin an und fuhr direkt weiter ins Erstaufnahmelager Frankfurt an der Oder. Das war am 31.10.2015. Inzwischen sind Tareef Alasaad, Ola Amouri und Abdul Hameed in ihrer neuen Heimat im Norden Brandenburgs angekommen und haben schon Pläne. „Ich möchte meinen Master an der Universität machen und vielleicht auch noch den Doktor“, sagt Abdul Hameed. „Ich liebe es, zu lernen und zu lehren.“ Außerdem möchte das junge Paar so viele Familienmitglieder wie möglich in Sicherheit bringen.