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„Ich habe mich darauf vorbereitet, gemeinsam mit meiner Familie im Meer zu sterben“

Schon mehrmals kam Rahim Hassan mit dem Tod in Berührung. Doch einmal warer gezwungen, sich intensiv mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Auf der Überfahrt in die Türkei stand der Tod bereits vor der Tür. Der Syrer und seine Familie hatten Glück. Doch diese Erfahrung lässt sie auch heute noch nicht los.

Rahim Hassan und seine Frau Aisha Kholed kommen aus Al Suwar in Syrien. Er ist 41 Jahre alt, sie etliche Jahre jünger. In seiner Heimat arbeitete Rahim als Kinderarzt in einer Klinik und einer privaten Praxis. Den Doktortitel hat er in der Ukraine erworben. Ein großer Vorteil, denn nun spricht er neben Arabisch und Englisch auch Russisch. In den Balkanländern halfen ihm diese Kenntnisse oft weiter.

„Als der Krieg in meinem Land begann, fühlte ich mich von Tag zu Tag unsicherer“, sagt Rahim Hassan. Er wollte fliehen, seine Familie aber auf keinen Fall allein lassen. Darum musste der Plan gut und lange überlegt sein. Besonders für Ärzte ist es schwierig, das Land zu verlassen. Sie sollen mit allen Mitteln gehalten werden. Doch für Rahim Hassan und seine Familie wurde das Leben immer unerträglicher.

Eines Tages schickte er seine Frau Aisha und deren Familie in die nächstgelegene Stadt. Er selbst arbeitete einige Tage weiter, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Am 12. September 2015, einige Tage nach seiner Frau, reiste er hinterher. In Aleppo traf er schließlich den Rest der Familie. Ab dem Moment waren sie zu sechst auf der Flucht.

Der erste Versuch, von Syrien aus über die Grenze zur Türkei zu kommen, scheiterte. Beim zweiten Mal zahlten sie mehr Geld. Dieses Mal klappte es. „Hier fühlten wir uns zum ersten Mal seit langer Zeit sicherer, doch wir wollten weiterziehen“, sagt Rahim Hassan. Der Plan war es, mit dem Boot über das Meer nach Griechenland zu kommen. Doch es gab das gleiche Problem wie schon  zuvor: „Schlepper sind Schweine. Sie lügen und betrügen wo sie nur können“, sagt Rahim Hassan.

Sie hatten der sechsköpfigen Familie ein großes, neues Boot versprochen, das sie sicher ans andere Ufer bringen sollte. Doch obwohl es an dem Abend sehr neblig war, erkannten sie rasch, dass der Kahn klein, alt und klapprig war. Es gab keinen Platz für Habseligkeiten oder Rettungswesten. Alles musste die Familie am Strand lassen, wo es die Schlepper einsackten.

Mit 30 anderen Flüchtlingen wurde die Familie schließlich auf ein Schlauchboot gequetscht. Die Fahrt sollte eine halbe Stunde dauern, so wurde es ihnen im Vorfeld versprochen. Doch die Fahrt zog sich endlos hin. Horizont, andere Schiffe oder Sterne: Nichts war in dieser stockdunklen Nacht zu sehen. Nach 1,5 Stunden endloser Fahrt wurde der Motor heiß, begann zu stottern und ging schließlich aus. Der Versuch den Motor zu kühlen brachte keinen Erfolg. Die See wurde rauher.

Eilig bliesen einige Menschen ihre Rettungswesten auf. Nur die Familie von Rahim Hassan hatte keine Westen. Der Tod schien nah und so bereiteten sich seelisch auf das Schlimmste vor. „Ich hätte versuchen können zu schwimmen, wenn das Schlauchboot sinkt. Doch das wollte ich nicht. Ich bin der einzige in der Familie, der schwimmen kann. Aber was nützt das? Ich hätte niemanden retten können. Alleine wollte ich nicht überleben. Also habe ich mich darauf vorbereitet, gemeinsam mit meiner Familie im Meer zu sterben“, sagt Rahim Hassan.

Überglücklich waren sie, als wie aus dem Nichts plötzlich eine türkische Patrouille auftauchte und sie zurück in den Hafen schleppte. Kurz nach der Ankunft im türkischen Hafen sank das Schlauchboot vor ihren Augen.

Aus Angst wurde Verzweiflung, denn zurück nach Syrien ging es nicht mehr. Vor einer neuen Überfahrt hatte die Familie aber Angst. Mehrere Tage blieb sie in der Stadt und überlegte, was zu tun sei. Schließlich nahm die Familie all ihren Mut zusammen und wagte einen zweiten Versuch. Dieses Mal klappte es.

Nach der Ankunft in Griechenland, wurden sie registriert und weitergeschickt. Auf eigene Faust fuhren Rahim Hassan, Aisha Kholed und der Rest der Familie nach Mazedonien, Slowenien, Ungarn, Kroatien und Österreich. Von Salzburg ging es mit dem Zug nach Berlin und schließlich ins Erstaufnahmelager nach Frankfurt an der Oder. Dort kamen sie am 6. Oktober 2015 an.

Obwohl sie mit unzähligen anderen Flüchtlingen in einer großen Messehalle schlafen muss, kommt die Familie zum ersten Mal seit Beginn der Flucht, wenn nicht sogar seit Beginn des Krieges, zur Ruhe. „Die Menschen hier sind hilfsbereit, es gibt sogar kostenlose Deutschkurse“, sagt Rahim Hassan. Die sind wichtig für ihn, denn er möchte so schnell wie möglich in Deutschland als Kinderarzt arbeiten, sehr gerne auch in Frankfurt an der Oder. „Das Rumsitzen und Nichtstun ist schlimm“, sagt der Arzt.

Sorgen macht er sich um seine Eltern, die noch in Syrien sind. Um sie zu schützen, hat er sich und seiner Frau für diese Geschichte einen anderen Namen gegeben. Er kann nicht verstehen, warum Deutschland Flüchtlinge willkommen heißt, aber der Weg bis dahin so gefährlich ist und für viele Menschen tödlich endet. „Das ergibt doch gar keinen Sinn“, findet er. Er sagt: „Ich weiß, dass wir Deutschland viele Umstände machen. Das tut mir ehrlich leid. Aber wir haben keine Wahl. Jede Woche sahen wir Tote und Exekutionen. Wir können nicht in unserem Land bleiben. Dort kann eigentlich niemand bleiben.“