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„Meine Geschwister haben kein Leben mehr“

Dank einer Gitarre fand Abdulaziz Dyab einen Teil seiner Lebensfreude wieder. Er hat große Träume und möchte gerne in Deutschland studieren.

Abdulaziz Dyab ist 20 Jahre alt und stammt aus Idleb, einem Ort mit 300.000 Einwohnern in Syrien. Sein Vater ist Arzt, die Mutter gelernte Anwältin. Sie arbeitet aber nicht, sondern kümmert sich um die vier Kinder. Der Krieg begann in seiner Heimat im Jahr 2011. „Das erste Jahr war zu ertragen“, sagt er. „Dann wurde es schlimm. Als im März 2012 die syrische Armee einmarschierte änderte sich vieles. Ab dem Moment herrschte in der Stadt Angst.“

Nach seiner Schule sollte Abdulaziz eigentlich im 75 Kilometer entfernten Aleppo studieren. Das ging nach Beginn des Krieges jedoch nicht mehr. Die Strecke war zu gefährlich geworden. Immer wieder wurden junge Männer auf dem Weg zur Uni getötet oder gekidnappt. „Außerdem benötigt man aufgrund der unzähligen Checkpoints rund zwölf Stunden für die relativ kurze Strecke“, sagt Abdulaziz Dyab. Stattdessen saß Abdulaziz Dyab jeden Tag zu Hause, irgendwann begann er, Gitarrespielen zu lernen.

Im März 2015 eroberte die Al Quaida die Stadt. Nun wechselten sich Artilleriebeschuss, Panzerangriffe und Bombenabwürfe ab. Die Familie flüchtete in ein Dorf und beschloss schließlich, im August 2015 zu flüchten. Vor der Grenze zur Türkei bot ihnen ein Schlepper an, sie für je 100 Dollar über die Grenze zu bringen. Das klappte und so reiste die sechsköpfige Familie weiter bis nach Izmir.

„Das war der schlimmste der Part der ganzen Flucht“, sagt Abdulaziz Dyab. „Dort behandeln einen die Menschen wirklich wie Dreck. Es ist schwer, das auszuhalten.“ Dreimal versuchte die Familie mit einem Boot, nach Griechenland zu kommen. Schließlich gab der Vater auf und beschloss, zurück nach Syrien zu gehen.

Für Abdulaziz Dyab kam das nicht in Frage. Er wusste, dass er dort keine Zukunft hätte. So blieb der junge Mann allein in der Türkei zurück. „Das brach mir das Herz“, sagt er. „Besonders da ich weiß, dass meine kleinen Geschwister dort kein Leben mehr haben. Meine kleinste Schwester zum Beispiel kennt keinen Fernseher, keine Musik, kein Spiel. Das verbietet die Al Quaida. Sie sagt, das ist Gotteslästerung. Meine Gitarre haben sie zerschossen.“

Nach langem Suchen fand er einen Schlepper, der ihn eines Nachts mit 50 anderen Menschen in einen Van quetschte und sie vier Stunden durch die Gegend fuhr. An einem Strand führte er sie zu einem kleinen Boot. Aus den versprochen 30 Minuten Überfahrt wurden viele Stunden. Nach den ersten zwei Stunden Irrfahrt schaltete er trotz Verbots sein GPS-Gerät ein und manövrierte das Boot so Richtung Griechenland. Obwohl zweimal der Motor verreckte und schließlich ganz den Dienst verweigerte, schaffte es die Truppe nach zwei weiteren Stunden bis auf eine Insel.

Dort wurden die Flüchtlinge entdeckt und von der Polizei nach Griechenland gebracht. Von dort ging es nach Mazedonien und weiter nach Serbien. Im regnerischen Belgrad irrte Abdulaziz Dyab mit zwei weiteren jungen Flüchtlingen vier Stunden planlos umher. Schließlich wurden sie von einer älteren Frau aufgelesen, die ihnen trockene Sachen und einen Schirm gab.

Es war der 13. September 2015 und nun mussten sich die drei Männer beeilen. Ungarn kündigte nämlich an, in zwei Tagen die Grenzen zu schließen. Mit Zug und Bus ging es nach Budapest und weiter nach Österreich und Deutschland. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so eine emotional und körperlich anstrengende Reise einmal unternehmen müsste“, sagt Abdulaziz Dyab heute.

In Frankfurt an der Oder wartet er derzeit auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Wenn er nicht gerade neu ankommenden Flüchtlingen bei Dokumenten hilft, denkt er an seine Familie. „In ihrem Dorf gibt es eigentlich nichts außer strengen Regeln“, berichtet er. „Ich wünschte, ich könnte sie zu mir holen. Hier wären sie sicher und hätten wieder einen Grund zu leben.“

Ende Oktober hat sich Abdulaziz Dyab eine Gitarre gekauft und spielt nun wieder täglich. Wenn die Aufenthaltsgenehmigung da ist, will er Ingenieurwesen in Karlsruhe oder Aachen studieren. Neben der Musik ist die Astronomie seine große Leidenschaft. Jeden Tag hat der 20-Jährige Kontakt mit seiner Familie. Er fragt dann immer wieder, wie es seiner kleinsten Schwester geht.

Eines kann der Syrer auch in Deutschland nicht ertragen: Das Geräusch von Flugzeugen und noch schlimmer, das von Helikoptern, macht ihm Angst. Dann bekommt er Panikattacken. „Ich habe viel Schlimmes in meiner Heimat gesehen“, sagt er und schaut nach unten.