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Was tun, wenn nachts das Schlauchboot sinkt?

Abdulhalim Bakkour hat auf seiner Flucht viel Ausdauer bewiesen. Auch die Wüste konnte ihm nichts anhaben.

Abdulhalim Bakkour ist 22 Jahre alt und stammt aus Banias in Syrien. Das ist die Stadt, in der der syrische Bürgerkrieg 2010 ausgebrochen ist. Sein Vater hat ein Lebensmittelgeschäft, seine Mutter ist Musiklehrerin. Die Eltern haben noch drei weitere Kinder: Zwei Mädchen und einen Jungen. Die ersten 13 Jahre seines Lebens verbachte Abdulhalim Bakkour mit seiner Familie in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dann zog der Vater mit Frau und Kindern zurück in seine Heimat.

Bis der Krieg ausbrach hatte Abdulhalim viele Hobbys. Er malte, liebte die Musik, trieb Sport, spielte Piano und war an seiner Schule bei der Schauspielgruppe. Nach dem Schulabschluss studierte er drei Jahre lang Agrarökonomie. Sein Plan war es, erst zu Ende zu studieren und dann wenn es sein muss zur Armee zu gehen. So war das in Syrien üblich. Doch der Krieg änderte alles. Nun wurden die jungen Männer von der Straße weg in die Armee gesteckt – oft direkt auf dem Weg zur Uni oder von dort zurück nach Hause.

Mit seinem Cousin floh der junge Syrer vor der Armee und dem sicheren Tod. Im Oktober 2014 machten sie sich auf den Weg in den Libanon und von dort in die Türkei. Besonders schlimm sollten die Abschnitte werden, die er per Schiff zurückgelegen musste. So sank das mit 50 Menschen völlig überladene kleine Boot bei der ersten Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. Zum Glück ereignete sich das Unglück in der Nähe einer Insel. Alle Menschen konnten sich retten. Türkische Polizei brachte sie aufs Festland und steckte sie zwei Wochen ins Gefängnis.

Anschließend wurden sie in ein Camp irgendwo in der Wüste gebracht. „Dort wurde uns gesagt, wir hätten zwei Möglichkeiten: Bis in alle Ewigkeiten in dieser trostlosen Wüste bleiben oder zurück nach Syrien“, berichtet Abdulhalim Bakkour. Fast alle entschieden sich für die Rückkehr. Dort angekommen starteten sie noch in der gleichen Minute den nächsten Fluchtversuch.

Wie die meisten Flüchtlinge war ihr erstes Ziel Izmir in der Türkei. Von dort sollte es mit einen Schiff nach Griechenland gehen. Doch der Versuch musste abgebrochen werden, bevor er überhaupt gestartet war – die Polizei hatte sie entdeckt. Zwei Wochen warteten Abdulhalim Bakkour und sein zwei Jahre älterer Cousin auf einen neuen Anlauf. In dieser Zeit hörten sie, dass ein 100 Meter langes ausrangiertes Kreuzfahrtschiff auf zahlende Flüchtlinge wartet und in wenigen Tagen eine Route direkt nach Italien ansteuern würde.

Bis zum Schiff sollten die Flüchtlinge mit einem kleinen Boot kommen. Beim ersten Versuch wurden die Syrer am Strand von den dort bereits wartenden Polizisten geschnappt. Auch beim zweiten Mal hatten sie kein Glück. Das Katz-und-Maus-Spiel endete auch beim dritten und vierten Mal zugunsten der türkischen Ordnungskräfte. Erst beim fünften Mal hatten Abdulhalim Bakkour und sein Cousin Glück. Im letzten Moment erreichten sie das Kreuzfahrtschiff. Noch am gleichen Abend machte es sich auf den Weg.

Purer Luxus erwartete die Flüchtlinge aber nicht. Nicht einmal Kabinen, oder Betten. Genau genommen erwartete sie nichts außer einer großen Halle im Unterdeck. Wer Glück hatte, konnte eine Plane zwischen sich und das kalte Metall legen. „Es stank und gab oft Streit“, sagt Abdulhalim Bakkour. „Alle waren unter Anspannung und viele psychisch stark angegriffen. Dazu kam, dass es fast kein Essen und so gut wie kein Wasser gab. Zehn Tage mussten wir so aushalten.“

Das Italienische Militär entdeckte das Schiff. Per Hubschrauber wurden die Frauen, Männer und Kinder auf das italienische Festland gebracht. Von Mailand aus ging es am 21. Oktober 2014 nach Berlin und weiter nach Eisenhüttenstadt.

Mittlerweile hat Abdulhalim Bakkour eine Aufenthaltsgenehmigung. Er lebt mit seinem Cousin in einer kleinen Wohnung in Frankfurt an der Oder, beide besuchen ganztags den Deutschunterricht. Jeden Nachmittag kommt Abdulhalim ins Erstaufnahmelager, um Ankömmlingen zu helfen. „Das ist für mich ein kostenloser Deutschkurs. Ich bin sozusagen der Dolmetscher“, sagt er.

Im November wird er einen Deutschtest absolvieren. Wenn alles gut geht, will Abdulhalim Bakkour anschließend ein Studium aufnehmen. „Aber nicht mehr Agrarökonomie“, sagt er und lacht. Sein Herz schlägt für die Kreativität. Architektur, Computerdesign oder Grafikdesign stehen deshalb ganz oben auf seiner Wunschliste.

Die größte Sorge des jungen Mannes ist das Wohl seiner in Syrien zurückgebliebenen Familie. „Ich wäre froh, wenn sie hier in Sicherheit wäre. Erst dann kann ich zufrieden sein.“